Spulenfiepen beheben: Maßnahmen zusammengefasst und getestet

Spulenfiepen beheben

Spulenfiepen ist ein leidiges Thema für vieler Gamer und Grafikenthusiasten. Da gibt man viel Geld für eine pfeilschnelle Grafikkarte aus und dann fiept, surrt und summt es aus dem System. Wir haben daher die gängigsten Maßnahmen gegen Spulenfiepen der Grafikkarte untersucht, getestet und zusammengefasst.

Was ist Spulenfiepen und woher es kommt es?

Spulenfiepen (eng. Coil-Whine) tritt bei zahlreichen elektronischen Komponenten auf. Mal hörbar, mal unhörbar, mal massiv störend und ist nicht auf GPUs beschränkt. Dort ist das Thema lediglich besonders populär und auffällig. Während ein fiependes Smartphone-Netzteil allenfalls kurz stört, ruiniert eine quietschende Grafikkarte die Gaming-Sessions.

Spulenfiepen kommt, ganz vereinfacht gesagt, zustande, wenn die verbauten Spulen aufgrund der sie durchfließenden Ströme anfangen zu vibrieren. Je nach Frequenz ist das eben als Fiepen, Surren, Schnarren oder ähnliche fiese Geräusche zu hören. Die Lautstärke reicht von einem unterschwelligen Ton bis hin zur penetranten Belästigung, die im ganzen Raum wahrnehmbar ist.

Das Phänomen ist nicht zwar neu, aber bedingt durch immer leisere Systeme fällt es stark auf. Die Zeiten von brüllenden Lüfterföns auf der Grafikkarte sind größtenteils vorbei und Tower-Kühler kühlen die CPUs nahezu lautlos – von Wasserkühlungen ganz zu schweigen. Zudem sind auch die Anforderungen an die elektronischen Komponenten bei modernen GPUs immens. Stichwort: Hohe Ströme und schnelle Schalt-/Lastwechsel. Besondere Aufmerksamkeit hatte das Thema zum Release der GTX 970 bekommen und ist auch bei aktuellen GPUs unverändert von Bedeutung.

VRM Grafikkarte

Das Krux bei der Sache ist, dass man vor dem Kauf kaum absehen kann, wie sich die Spulen auf der Wunsch-GPU verhalten werden. Sogar innerhalb eines Modells gibt es Schwankungen, da die Spulen einer gewissen Toleranz unterliegen. Erfahrungsberichte aus den großen Foren können zwar eine grobe Orientierung geben, doch sicher ist man erst, wenn die Grafikkarte im eigenen System steckt.

Was also machen, wenn man einen Schreihals daheim hat? Dazu gibt es mehrere Maßnahmen und Tipps.

Spulenfiepen beheben

Die jeweiligen Angaben zum Spulenfiepen sind stark subjektiv. Sämtliche Lüfter wurden deaktiviert um einen vergleichbaren Eindruck zu haben.

Anderes Netzteil testen

Neben den Spulen an sich tragen verschiedene Faktoren zu dem Thema bei. Eine wichtige Komponente kann das Netzteil sein. Ein hochwertiges und ausreichend dimensioniertes Netzteil kann das Surren leicht, manchmal sogar deutlich abschwächen. Insbesondere der Ripple-Wert scheint hier wichtig.

Dark Power Pro
be quiet! Dark Power Pro 11 gegen Spulenfiepen?

Wir konnten diesen Effekt auf einer GTX 1070 und einer RX580 nachstellen. Die fiepende GTX 1060 zeigte durch den Tausch des Netzteils jedoch keine Besserung.

Gainward GTX 1070 Phönix GSSapphire RX580EVGA GTX 1060
be quiet! Straight Power E9 500Wleise hörbar
bis hörbar
hörbarstörend
be quiet Dark Power 11 650Wsehr leise hörbarleise hörbarstörend
Corsair SF450leise hörbarstörendstörend
Seasonic X-650 KM3leise hörbarhörbarstörend
Xilence 430Whörbarstörendstörend
Spulenfiepen bei 120 fps

Gerade wenn jedoch ein Netzteil der Einsteiger- oder Mittelklasse genutzt wird, kann es sinnvoll sein es mit einem hochwertigen NT zu probieren. Optimal natürlich, wenn man es sich bei einem Bekannten leihen kann, bevor man unnötig etwas bestellt.

Undervolting – Wundermittel gegen Spulenfiepen

Das Reduzieren der Spannung als Quasi-Gegenteil zu Overclocking kann eine Wunderwaffe gegen Spulengeräusche sein. Logisch, werden die Spulen weniger belastet, haben sie weniger Grund sich zu beschweren. Nebenbei gibt es einen geringeren Verbrauch, leisere Lüfter und niedrigere Temperaturen.

Konkrete Werte sparen wir uns an dieser Stelle, dies ist von Karte zu Karte unterschiedlich. Man sieht jedoch, dass Karten bei leichtem Undervolting (z.b. -50mV) bereits leiser werden. Die 5700 XT zeigte sich zickiger, hier musste über 100mV nachgesteuert werden, damit der Effekt eintrat.

Gainward
GTX 1070 Phönix GS
 MSI
Radeon RX 5700 XT
Sapphire
RX580
EVGA
GTX 1060
Standardleise hörbarstörenddeutlich hörbarstörend
leichtes UVleise hörbarstörendhörbarhörbar
moderates UVunhörbarleise
hörbar
leise hörbarleise hörbar
starkes UVunhörbarunhörbarleise hörbarleise hörbar
bis
unhörbar
Spulenfiepen bei 120 fps

Das Problem ist, dass Undervolting etwas aufwändiger und komplexer ist. Es gibt nicht DEN einen Wert. Man muss sich schrittweise an eine stabile Spannung herantasten, also einstellen, testen, einstellen. Ggf. kann es sinnvoll sein die GPU um ein paar MHz abzusenken, wenn man damit Spannung gewinnen kann. Hier spielt auch Glück in der Chip-Lotterie eine Rolle. Zudem gilt es die Balance zwischen Lüftergeräusch und Spulenfiepen zu finden. Wenn die Temperatur so weit fällt, dass sich das Fiepen über den Lüfter erhebt, hat man nichts gewonnen – außer man lässt die Lüfter bewusst schneller drehen.

undervolting msi afterburner
Spannungskurve MSI Afterburner GTX 1070

Für Undervolting gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die beliebteste ist wohl der MSI-Afterburner (STRG+F), oder Wattman direkt von AMD für entsprechende GPUs. Auch die Software der Grafikkarten-Hersteller ermöglichen teilweise Undervolting.

FPS limitieren und stabilisieren

Gamer streben nach Frames, desto mehr desto besser. Leider sorgen gerade hohe FPS zahlen nicht selten für Gekreische. Die Spulen werden häufiger angesteuert, die Grafikkarte zieht mehr Saft aus der Dose, um die Frames zu rendern. Zwar haben GPUs durchaus auch bei wenigen FPS bereits Spulengeräusche, doch bei über ~100 fps wird es im Allgemeinen lauter.

Gainward GTX 1070 Phönix GSMSI Radeon RX 5700 XTSapphire RX580EVGA GTX 1060
60 fpsunhörbarleise
hörbar
leise hörbardeutlich
hörbar
120 fpsleise
hörbar
hörbar
bis störend
hörbarstörend
240 fpshörbarstörendstörendstörend

So tut es Ohren (und Stromrechnung) gut die FPS auf die Bildwiederholrate des Bildschirms zu reduzieren. Glück für die, die auf einen 60 Hz Bildschirm setzen. Aber auch für die 120/144 Hz Gamer kann es Vorteile bringen. Schwankende FPS führen nicht selten zu einem schwankenden Geräusch, das präsenter ist als ein Konstantes. Im Falle unserer 1060 kann man den FPS-Verlauf anhand des Geräusches verfolgen, eine akustische Achterbahn.

nvidia adaptive vsync
Nvidia Settings für VSync
FPS Limiter NVidia
RTSS FPS-Limiter
AMD FPS Limiter chill
FPS limitieren im AMD-Treiber

Um die FPS zu limitieren bietet sich die VSync-Option (vorzugsweise adaptiv) oder ein FPS-Limiter an, falls man sich mit VSync nicht anfreunden kann. AMD Nutzer haben es hier dank der Treiber-Option einfacher, bei NVidia muss man sich mit Tools behelfen. Auch dazu bietet z.B. der Afterburner über RTSS eine Option. Ähnlich wie beim Undervolting kann die Leistungsaufnahme reduziert werden wenn nur soviele Frames wie nötig berechnet werden. Der Tipp stößt jedoch an seine Grenzen, wenn die GPU schon unter der Framegrenze an ihr Limit kommt.

Silent-Gehäuse und Dämmung

Kann man die Quelle der Geräusche nicht ausmerzen, muss man sie abschirmen. Auch wenn Airflow-Gehäuse derzeit populär und Silent-Gehäuse als Sauna verschrien sind, bei elektronischen oder mechanischen Geräuschen sind offene Airflowgehäuse chancenlos und Silentgehäuse offenbaren ihre Stärken. Ein geschlossener Deckel und/oder eine verschlossene Front können viel von dem direkten Schall abschwächen. Was sich wie bemerkbar macht, hängt von der Aufstellung ab, aber auch von der Art der Geräusche.

Gainward GTX 1070 Phönix GSEVGA GTX 1060
Deckel + Front offenleise hörbarstörend
Deckel offen Front geschlossenleise(r) hörbarstörend
Deckel + Front geschlossenunhörbarhörbar
Spulenfiepen bei 120fps; Fractal Design Define 7 unter Schreibtisch

Im Ausgleich müssen, um auf den gleichen Temperaturen zu bleiben, die Lüfter etwas schneller laufen, doch deren Geräusch ist im Allgemeinen erträglich als das nervtötende Fiepen und Surren. Alternativ nimmt man ein paar Grad mehr in Kauf.

Define R7 offener Deckel
Define R7 offener Deckel
Define 7
Define R7 geschlossener Deckel

Mit aus der Mode gekommenen Dämmmatten an Deckel, Front und Seite können hohe Frequenzen und Vibrationen der Spulen zusätzlich reduziert werden. In Zeiten von Glasseiten nicht unbedingt praktikabel.

Gänzlich ruhig bekommt man laute Karten damit zwar nicht, aber es wird deutlich angenehmer. Im Fall der GTX 1060 konnte man wieder ohne Headset spielen.

Burn-In gegen Spulenfiepen – nur ein Mythos?

Es gibt zahlreiche Berichte, dass ein sog. Burn-In das Spulenfiepen bessern oder gar beheben soll. Dabei wird die GPU über Stunden massiv belastet z.B. mit Furmark oder einem anderen Benchmark in Dauerschleife.

Furmark Spulenfiepen
Furmark: Hitze und Stromverbrauch – sonst nichts

Wir können dies NICHT bestätigen. Zwar wird das Fiepen im Laufe des „Burn-In“ weniger, doch der Effekt ist nicht von Dauer. Das ist auch recht einfach zu erklären: Aufgeheizte Spulen fiepen tendenziell weniger als kühle Spulen (deswegen haben WaKü-User sozusagen doppelt mit Spulenfiepen zu kämpfen). Kurze Zeit nach der Burn-In-Belastung ist das Geräusch wieder wie gewohnt und man hat lediglich dem Stromanbieter geholfen.

Wir können zwar nicht ausschließen, dass es Erfolge damit geben kann. Insgesamt halten wir diesen Tipp aber nicht für erfolgsversprechend.

Reklamation bzw. Widerruf

Da Spulenfiepen in der Natur der Sache liegt und kein Defekt ist, ist es im Allgemeinen kein Grund zur Reklamation. Je nach Händler oder Hersteller kann zu lautes Spulenfiepen zwar reklamiert werden, da ist man jedoch auch auf Kulanz angewiesen.

Da Spulengeräusche mit der Zeit eher schlimmer als besser werden, sollte man sich direkt nach dem Kauf überlegen, ob es nicht ratsamer ist die Karte innerhalb der Widerrufsfrist zurückzusenden. Das macht jedoch nur Sinn, wenn die Karte wirklich störend ist, denn das nächste Exemplar könnte schlimmer, besser oder identisch sein. Das zahllose Bestellen und Cherry-Picking ist zudem nicht im Sinne des FAG, daher sollte man dies als letzte Maßnahme sehen.

Fazit

Spulenfiepen ist und bleibt eine lästige Sache mit der man Leben muss – mehr oder weniger! Denn auch wenn es sich kaum ganz vermeiden lässt, ist man nicht gänzlich machtlos und kann es zumindest eindämmen. Mit Kombination der Maßnahmen ist es möglich eine Grafikkarte so weit zu bändigen, dass man sie entspannt nutzen kann – ohne unfreiwillige Tinitus-Simulation. Vielversprechend ist es, das Problem an der Wurzel zu greifen und die Spulen mittels Undervolting und FPS-Limitierung zu entlasten!

Ob und welche Tipps gegen Spulenfiepen helfen, hängt vom Einzelfall ab, aber der Versuch lohnt sich.

Ergebnisse und weitere Tipps und Tricks gegen Spulenfiepen neben wir gerne in unserem Forum entgegen!

4 Kommentare

  1. Sehr schön die Problematik aufgegriffen und Lösungsansätze gegeben. Als wär die Chipgüte nicht schon Lotterie genug, muss leider auch immer noch das Thema Coil-Whine dazu kommen 😉
    Ich hab mit meiner aktuellen 5700XT da leider voll ins Klo gegriffen. Meine alte 1070 dagegen war komplett still und machte sich nur bei starkem OC bemerkbar.

  2. Da habe ich wohl immer Glück gehabt. Ich hatte bis jetzt immer Karten von ASUS und diesmal eine von Gainward und immer bis zum Anschlag übertaktet. Jahrelang von ATI/AMD und die letzen beiden von NVIDIA. Ich hatte noch nie Probleme mit Spulenfiepen. Falls jetzt jemand damit kommt das man in meinem Alter die hohen Frequenzen eh nicht mehr wahrnimmt, mein Sohn der jetzt 28 ist, saß mit seinem Rechner genau neben meinem und hat auch nichts dergleichen gehört.
    Hier übrigens noch ein schönes Video zu dem Thema:
    https://www.youtube.com/watch?time_continue=14&v=PEUF7PMzN9E&feature=emb_logo
     
     

  3. Ich hatte eher Pech und gehöre zu den sensiblen Nutzer. Ich hatte teilweise aber auch Exemplare, oh man…Spitzenkandidat war eine 290 Vapor-X die beim Zocken meine Freundin beim Fernsehen im selben Zimmer genervt hat, da sie den FPS verlauf rauf und runter mitbekommen hat.

     

    Danke für das Video, witzig dass der Igor das Thema offenbar zu gleichen Zeit auf dem Schirm hat 😎 

    Wir haben das Spulenfiepen eher aus praktischer Anwendersicht betrachtet nach dem Motto „ob und was man tun kann“.

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